Geldenergie:

Eine persönliche Bilanz und

zukünftige Notwendigkeiten

Von Adam Seitchik

Illustrationen: Alex Andreev

29. Februar 2016

Obwohl ich Geldenergie heute überall wahrnehme, war mir diese einflussreiche Macht lange unbewusst. Ich bewegte mich in dieser Energie wie ein Fisch im Wasser. Ich sah sie nicht. Mein Arbeitsleben war eine Reise durch unsere moderne Geldenergie: Ich habe mich mit ihr auseinandergesetzt, in und mit ihr gearbeitet und viele Jahre damit verbracht, sie zu transformieren.
Meine Eltern waren beide im Sozialbereich tätig. Geld war für sie dabei nur insofern ein Thema, als einige Menschen nicht genug davon besaßen. Meine berufliche Laufbahn begann mit der Erforschung von Arbeit, nicht des Kapitals. Im Alter zwischen 20 und 30 Jahren war ich Arbeitsökonom. Von Marx lernte ich viel über die Ausbeutung von Arbeitskräften und von John Kenneth Galbraith über das Wesen und die Macht der Institutionen. Die Neoklassische Theorie – die vorherrschende wirtschaftswissenschaftliche Schule – brachte mir die Magie des Markts nahe. Ich lehrte Wirtschaftswissenschaften am Wellesley College, das wenig später als die Alma Mater von Hillary Clinton berühmt wurde.
Die Neoklassische Theorie war so erfolgreich, dass sie die amerikanische Wirtschaftswissenschaft bis heute beherrscht. Ich werde hier verallgemeinern und mit „neoklassische Perspektive“ den Denkansatz bezeichnen, der unter Wirtschaftswissenschaftlern am weitesten verbreitet war. Vor 35 Jahren spiegelte sich in dieser Denkweise der politische Konsens der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft – doch dieser Konsens war bereits im Begriff zu bröckeln.
Was hat das mit Geldenergie zu tun?
In der Physik versteht man unter Energie eine Größe, die es einem System ermöglicht, Arbeit zu verrichten. Energie in Form von Geld hat enormen Einfluss auf das menschliche Verhalten. Im Industriezeitalter wuchs die Menge an Geldenergie exponentiell an. Und auch im derzeitigen, von schnellem Wandel geprägten, vernetzten Informationszeitalter dehnt sie sich weiter aus. Weltweit prägt und transformiert Geld alles, womit es in Kontakt kommt. Es ist damit einer der Hauptakteure des Anthropozäns, jener geochronologischen Epoche, in der der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor wurde.
Geld bewegt sich am Markt wie jede andere Ware. Es gibt Käufer und Verkäufer, Nachfrage und Angebot. Doch reine Geldenergie ist insofern einzigartig, als sie keinen eigenen, intrinsischen Wert hat. Man kann Geld weder konsumieren, noch seine Schönheit bewundern oder es zum Kaffeekochen verwenden. An sich hat es keinerlei Nutzwert. Ähnlich wie andere Energieformen können wir Geld nur indirekt durch seine Wirkung erfahren. Seine Macht verdankt Geld der Fähigkeit, menschliches Handeln nutzbar zu machen – Arbeit, Kapital, alles, was käuflich ist. Heute scheint es fast so, als ob Geld die einzige Energie ist, die unser Handeln beeinflusst. Geld existiert mittlerweile vor allem im virtuellen Raum, nicht mehr als Papier- oder Münzgeld. Damit ist es die wahrscheinlich am schnellsten bewegliche Sache der Welt. Im Bestfall wirkt Geldenergie wie Schmieröl für die Realwirtschaft – es hilft ihr, besser zu funktionieren. Während riesige Mengen Geldenergie in Höchstgeschwindigkeit um die Welt schwirren, picken sich die Konstrukteure und Verwalter der Finanzwelt kleine Stückchen davon ab. Zusammen ergeben diese einen beachtlichen Bissen, durch den eine kleine Gruppe von Menschen sehr reich wird.
Ein Söldner im Auftrag des Geldes
Was meine eigene Geldenergie betraf, so stand ich als junger Akademiker vor demselben Problem wie viele meiner Kollegen: Von Prestige kann man sich nichts kaufen. Als Dozent für Arbeitsökonomie am Wellesley College verdiente ich nicht gut. Ich hatte meine noch junge Familie zu ernähren und spürte den finanziellen Druck. Also tat ich etwas sehr Banales: Ich tauschte meinen geliebten, aber schlecht bezahlten Job im Bildungssektor für einen gut bezahlten im Finanzsektor ein. Ich wurde zu einem Söldner in der Welt der Geldes. Ein Söldner im Auftrag des Geldes. Mein Einsatz sollte dreizehn Jahre dauern, in denen ich in meiner Alltagsuniform zur Arbeit pendelte: Kurzhaarschnitt, gebügeltes Hemd, schwarze Socken, Ledergürtel und -schuhe, Anzug und Krawatte. Das Söldnerleben kann eine entfremdende und in vielerlei Hinsicht klägliche Erfahrung sein, doch ich lernte dabei viel über Geldenergie aus der Innenperspektive. Und ich erreichte mein Ziel: In Spitzenzeiten lag mein Jahreseinkommen etwa 3.000 Prozent über dem, was mir Wellesley College gezahlt hatte.
Das Zeitalter der Big-Money-Globalisierung
Ich hatte genau die richtige Zeit erwischt, um Geld-Söldner zu werden. Während des Kalten Krieges war die Geldenergie zwar mächtig, wurde jedoch gezügelt und geleitet durch das Bestreben nach sozialer Gerechtigkeit und das gerade erwachende Umweltbewusstsein. Arbeiterschaft und Gesetzgebung wurden als wichtige, ausgleichende Machtquellen gesehen, die die Bewegungsfreiheit der reinen, marktliberalen Geldenergie einschränkten. Als ich in den 1990er Jahren in Kontakt mit „Big Money“ kam, war die wirtschaftliche Globalisierung bereits in vollem Gang, und Geld durchlief eine weitreichende Veränderung. Der Kalte Krieg war vorbei, Handelsgrenzen fielen, und die Gewerkschaften waren in den vorhergehenden zwei Jahrzehnten ausgedünnt worden.
Im Laufe der Zeit geriet alles in Vergessenheit, was man in den 1930er Jahren so schmerzhaft über die Regulierung der Finanzmärkte gelernt hatte. Die Banken erhielten wieder unbegrenzten Spielraum, sich zusammenzuschließen und zu spekulieren. Das Kapital unterjochte die Arbeiterschaft, und der Reichtum konzentrierte sich immer stärker in den obersten Schichten. Es war die wilde Jugend des großen Geldes, ein rasantes Stück, das immer schneller wurde und in der Finanzkrise 2007-2008 ein ohrenbetäubendes Crescendo erreichte. Meine Heimatstadt Boston veränderte sich vor meinen Augen. Sie wurde zu einem Zentrum der Geldenergie mit direkten Verbindungen nach New York, London, Frankfurt, Tokio und überallhin, wo neue, globalisierte Märkte entstanden.
Das Spiel mit der Big-Money-Energie
Ich arbeitete als globaler Investmentstratege bei Wellington Management, einem Elite-Anlageunternehmen, zu dessen internationalem Kundenstamm die größten Pensionsfonds der Welt ebenso zählten wie Sultane und Prinzen. Als die von der Firma betreuten Vermögen erstmals die 300-Milliarden-Dollar-Grenze sprengten, war das ein Grund zu feiern. Später wurde ich vom Asset Management der Deutschen Bank abgeworben und arbeitete in London als Chief Global Strategist. Jede dieser riesigen Finanzfirmen verwaltet mittlerweile etwa eine Billion US-Dollar, eine schier unvorstellbare Menge an Geld: tausendmal eine Milliarde US-Dollar. Geldenergie in so hohen Konzentrationen ist mächtig. Für unsere Recherchen konnten wir buchstäblich auf jeden zugreifen, auch auf Leiter von Zentralbanken, die CEOs der größten Unternehmen der Welt und ehemalige Regierungschefs. Wir zahlten den Brokern an der Wall Street immense Summen an Kommissionen. Das motivierte sie, uns unbegrenzten Zugang zu Informationen zu geben. Überall auf der Welt behandelte man uns wie Könige. Wir hatten Milliarden hinter uns.
Zu lernen, wie man mit dem Geld anderer Leute umgeht, dauerte ein wenig. Das Wichtigste dabei ist, eine übergeordnete Strategie zu bestimmen. Hierzu zählen Fragen wie: Wieviel Prozent des Kundenvermögens sollen in riskantere Anlagen mit größerem langfristigen Potenzial gesteckt werden? Und wieviel sollen außerhalb seines Heimatlandes investiert werden? Darüber hinaus schafft diese Branche, die problemlos viel kleiner und weniger lukrativ sein könnte, nicht viel Mehrwert. Dass der Finanzsektor weiterhin so erfolgreich ist, liegt an seiner Undurchsichtigkeit und seiner Masse. Es liegt an dem Reichtum und der Macht selbst. Je näher man herangeht, desto mehr bestätigt sich der Verdacht, dass dieser Kaiser keine Kleider trägt. Er besitzt jedoch ein riesiges, gewinnbringendes Casino mit komplizierten Spielregeln. Und er weiß, wie er die Menschen dazu bringen kann, das Casino für unverzichtbar zu halten.
Woher kam das schlechte Gefühl?
Die Ursache meiner Entfremdung war nicht schwer zu erkennen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass das, was wir taten, einen Wert schuf, noch nicht einmal für den Kunden. Niemand kann letztlich konsistent zutreffende Zukunftsvoraussagen treffen. Selbst wenn man einmal richtig liegt, ist es schwer zu sagen, was daran Glück war und was Können. Und vor allem: Langfristiger finanzieller Erfolg hängt zum Großteil von der zugrundeliegenden Robustheit und Integrität des Wirtschaftssystems selbst ab. Doch nichts, was wir taten, trug dazu bei, dass das System weiterhin gut funktionierte. Wir versuchten einfach nur, etwas mehr rauszuholen, als das System im Durchschnitt bot. Dabei schlossen wir die Augen davor, dass eine Wirtschaft, die nur mit Geld angetrieben wird, nicht nachhaltig sein kann. Meine Arbeit fühlte sich nicht nützlich an.
Flucht in die alternative Geldenergie
Ich träumte davon, der Welt der Big-Money-Energie zu entfliehen. Es gab jedoch kein naheliegendes Fluchtziel. Die Arbeiterschaft und ihre Interessenvertretungen, einst eine Gegenmacht zum Geld, schienen hilflos angesichts des globalen Kapitals. Und in den USA waren die Beziehungen zwischen Politik, Unternehmen und Finanzwelt von Korruption geprägt. Die eigentliche Rolle der Regierung war damit untergraben. Ich hatte einiges über Geld gelernt, doch ich wusste nicht genau, wie ich mein Wissen anwenden sollte. Die alten Mechanismen zur Bekämpfung von Einkommensungerechtigkeit, Luftverschmutzung und Störungen durch den Markt gab es nicht mehr.
Auf der Suche nach Alternativen kehrte ich in die Vereinigten Staaten zurück. Und ich fand eine: Ich wurde Chief Investment Officer einer Vermögensverwaltung in Boston. Die Kunden dieser Firma wollten Geldenergie so einsetzen, dass sie ihren persönlichen Gewinn ebenso steigerte wie den gesellschaftlichen Nutzen und die Nachhaltigkeit – die so genannte Triple Bottom Line. Für mich war es zunächst ein etwas esoterisches Konzept, das sich grundlegend von der Art Ökonomie unterschied, die ich kannte. Und auch von dem Ethos der Geldwelt, die ich gerade hinter mir gelassen hatte. Die Idee lautete, dass es weniger Marktversagen gibt, wenn die Akteure am Markt nicht nur ihre eigenen Finanzinteressen verfolgen, sondern auch die langfristigen Interessen der Menschheit und des Planeten. Die Nachfrage nach dieser alternativen Art des Investments war damals ohne Zweifel sehr gering. Das Unternehmen, für das ich arbeitete, war etwa ein Tausendstel so groß wie die Riesenfirma, die ich verlassen hatte.
Mittlerweile arbeite ich seit zwölf Jahren in dieser Welt der von Sinn geleiteten Geldenergie, und das Interesse ist exponentiell gewachsen. Immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen in die alten Strukturen und Systeme. Die Macht der Netzwerke hilft uns dabei, unsere Möglichkeiten besser zu verstehen und gezielter Entscheidungen zu treffen. Wir kaufen bei regionalen Herstellern und Dienstleistern, bauen unsere Lebensmittel regional an, arbeiten für einen guten Zweck, decken auf, mit welchen Arbeitsbedingungen und Umweltauswirkungen die Waren, die wir kaufen und verkaufen, verbunden sind: All dies sind Zeichen eines bewussteren Kapitalismus. Von dieser erweiterten Perspektive aus betrachtet, sind die günstigsten Waren in Wirklichkeit gar nicht so günstig. Diese Art der gezielten, bewussten Produktion und des ebensolchen Konsums würde sich in den USA noch viel schneller ausbreiten, wenn nicht die Löhne auf der untersten Ebene immer stärker sinken würden. Armut und Niedriglöhne erhöhen die Nachfrage nach billigen, sozial- und umweltunverträglichen Lebensmitteln und Waren und bestärken so den Status quo.
Das System der Geldenergie ist der letzte Stein in der Transformation des Kapitalismus – und der Bereich, in dem der Widerstand gegen den Wandel am größten ist. Die Psychologie des Geldes ist komplex. Angst verhindert Innovation. Oft gibt es ein falsches Gefühl der Sicherheit, wenn man schön bei der Herde bleibt und sein Vermögen in die Hände großer, undurchsichtiger, mittelmäßiger Finanzinstitutionen gibt, die zu groß sind, um zu scheitern. Die Annahme, dass Investitionen mit einem umweltfreundlichen und sozialverträglichen Schwerpunkt weniger Rendite bringen, hält sich hartnäckig – ganz gleich, wie häufig das Gegenteil belegt wird. Doch die Finanzkrise und die große Rezession haben eine Tür geöffnet, und das Interesse an alternativen Geldmodellen ist gestiegen. Wir werden uns immer mehr der harschen Wirklichkeit bewusst, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem Geldenergie nur einer winzigen Minderheit dient, während sich am Leidensdruck für die riesige Mehrheit nichts ändert. Das System der vergangenen 35 Jahre – Vermögenskonzentration an der Spitze durch ungezügelten globalen Handel und notdürftiges Übertünchen der schlimmsten Folgen durch Wohltätigkeitsinitiativen – verliert an Attraktivität. Nichts gegen Wohltätigkeit. Aber nur ein Narr würde sich darauf verlassen, dass Bill Gates und Mark Zuckerberg unsere Welt verbessern.
Statt beim Anlegen von Vermögen wie durch Scheuklappen nur die Vermehrung des eigenen Reichtums zu sehen, können wir auf einen ganzheitlicheren Ansatz zuarbeiten, bei dem wir Geldenergie so einsetzen, dass sie möglichst positive Auswirkungen für alle hat. Das ist die Idee hinter „Impact Investing“ – Investieren unter Berücksichtigung der Auswirkungen. Als Energieform hat Geld zweifelsohne Auswirkungen. Doch in der Welt des Impact Investing werden die persönlichen, gesellschaftlichen und Umweltauswirkungen des Geldes ausdrücklich mit einberechnet. Die neu entstehenden Strukturen, die Investment mit positiven Auswirkungen ermöglichen, sind sehr viel kleiner als die, die sie ersetzen. Das ist wesentlich für ihre Anziehungskraft. Statt so viel Vermögen wie nur möglich zu investieren, beginnt Impact Investment mit einer Einschätzung davon, wo positive Auswirkungen erzielbar sind. Nicht jede Möglichkeit, Geld zu vermehren, sollte auch genutzt werden. Zudem gibt es nur wenige Bereiche, in denen positive Auswirkungen im ganz großen Maßstab erzielt werden können.
Gutes und schlechtes Wachstum
In einer Welt mit schwindenden Ressourcen und steigenden Bevölkerungszahlen ist die Frage berechtigt, ob ein weiteres Wirtschaftswachstum wirklich angeraten ist. Doch Geldenergie ist Wachstumsenergie. Die Frage lautet daher: Was soll wachsen? Am Beginn jedes zielgerichteten, bewussten Investments steht das genaue Verständnis des Investors und seiner finanziellen, moralischen, ethischen und spirituellen Ziele. Wie auch immer dieser Ansatz umgesetzt wird: Er schafft eine Verbindung zwischen dem Investor und seinem Geld, die von Sinnhaftigkeit und Engagement geprägt ist. Neben den finanziellen Ergebnissen legt Impact Investing greifbare Kriterien für den gesellschaftlichen und umweltbezogenen Wert der Investition fest: eine Verbesserung der Einkommen auf den niedrigsten Lohnebenen, eine radikale Angebotserhöhung im Bereich erneuerbare Energien, die Förderung von Technologien, mit denen sich die Energieeffizienz steigern und der Ressourcenverbrauch senken lassen, die Schaffung von lebensunterhaltssichernden Arbeitsplätzen, mehr und weiter reichende soziale Gerechtigkeit, die Unterstützung einer lebendigen, regionalen Wirtschaft.
Wird Geldenergie so umgeleitet, dass sie sich positiv auf die Gesellschaft und Umwelt auswirkt, so gibt es Bereiche, die austrocknen, und Dinge, die unweigerlich abnehmen: extreme Einkommensgefälle, Umweltverschmutzung, Giftstoffe, Ausbeutung von Arbeitskräften, Krankheiten, Armut, Kriminalität, Ausstoß von Treibhausgasen, Kriegs- und Massenvernichtungswaffen. Viele dieser Faktoren fließen in die Berechnung des Bruttosozialprodukts ein. Das sollten sie jedoch nicht. Auch die Welt der beziehungslosen, schädlichen Geldenergie wird zusammenschrumpfen. Impact Investing erfordert die Messbarmachung von echtem Fortschritt aber auch von Verschlechterungen. Die Umleitung von Geldenergie kann nur dann als Erfolg gelten, wenn das, was wächst, eine positive Veränderung für die Menschheit und den Planeten bedeutet.
Die Zukunft der Geldenergie
Ich bin davon überzeugt, dass die deregulierte, globale Geldenergie in einer Krise steckt und durch eine gerade entstehende, dezentralisierte Geldarchitektur ersetzt werden muss. Wir stehen am Anfang eines großen Wandels: der bewussten Umleitung von Geldenergie zu positiven Zwecken. Die Konzentration auf kleine, lokale und regionale Projekte ist nicht nur ein schöner Selbstzweck, sondern ist wesentlicher Faktor einer neuen, resilienteren Infrastruktur. Die neue Geldenergie fühlt sich besser an: lebendig, ehrlich, verbunden und verbindlich, wertvoll, heilend und letztlich auch befriedigend. Neue Geldenergie ist die Vollwertkost, die unsere Systeme von belastenden Giftstoffen befreit.
In der Welt des Impact Investing lässt sich erleben, wie neue Arten von Investmentstrukturen aufblühen und alte Kämpfer endlich die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen gebührt. Mit der steigenden Nachfrage nach Alternativen wächst auch das Angebot. Diese neuen Modelle sind vielfältig. Von Gemeinde-Genossenschaften bis zu Peer-to-Peer-Krediten, von der Finanzierung erneuerbarer Energien bis zu nachhaltiger Landwirtschaft, von Fair-Trade-Handel bis zu Angeboten, die einen Durchbruch für die Milliarden Menschen bedeuten, die am untersten Ende der weltweiten Wirtschaftspyramide stehen. Gemeinsam ist all diesen Modellen eine transparente Verbuchung der gesellschaftlichen und Umweltauswirkungen der Investitionen, die das positive Potenzial der neuen Geldenergie dokumentiert. Es ist eine ganzheitliche Art des Investierens, bei der wir unseren Verstand ebenso wie unser Herz einsetzen.
Radikale neue Denkansätze zur Geldenergie machen nicht nur Mut. Sie sind vielmehr unverzichtbar, wenn wir die zunehmend beängstigende Möglichkeit einer dystopischen Zukunft ausräumen wollen. Das Interesse an einer verbundeneren und verbindlicheren Geldenergie wächst, sowohl unter älteren Anlegern, die sich Gedanken darüber machen, was für eine Welt sie hinterlassen, als auch bei Rentenfonds und anderen Finanzeinrichtungen, die eine progressivere Kundschaft repräsentieren, und besonders unter den jungen, vernetzten Angehörigen der Generation Y, die einen grundlegenden Wechsel herbeisehnen. Für diese jungen Erwachsenen sind die Vorteile eines positiven Wandels aber auch die Gefahren eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs am größten.

Lässt sich Geldenergie tatsächlich umleiten und verwandeln?
Ich denke schon. Das setzt jedoch verschiedene Dinge voraus.

Was muss sich ändern?

Die Begrenztheit der freien Märkte verstehen

Ökonomen von Adam Smith bis zu den Neoklassikern haben die Magie der freien Märkte beschworen. Doch zu meiner Zeit als Doktorand beschäftigten sich Wirtschaftswissenschaftler vor allem mit dem Versagen, nicht den Erfolgen der Märkte. Zu diesen Marktversagen zählten Armut und Einkommensgefälle ebenso wie die damit zusammenhängenden Probleme wie Kriminalität, Depression und mangelhafte Gesundheit. Marktversagen wie Umweltverschmutzung und ökologische Zerstörung. Marktversagen wie Monopole, Oligopole und übersteigerte Machtkonzentrationen innerhalb von Branchen. Diese Versagen wurden häufig als externe Effekte oder Externalitäten bezeichnet – bedauerliche Lecks eines ansonsten geschlossenen, eleganten Wettbewerbssystems. Perfekter Wettbewerb war das Marktideal. Den externen Auswirkungen dieses perfekten Systems wurde ausnahmslos mit gesetzlichen Eingriffen begegnet.

Diese Marktversagen konnten die Liebe der Ökonomen zu privaten Märkten nicht zerstören. Bis heute nicht. Wirtschaftswissenschaftler lieben die Eleganz, mit der durch Kaufen und Verkaufen Preise festgesetzt und Arbeitskräfte, Rohstoffe, Gebäude und Maschinen so eingesetzt werden, dass ein produktiver Nutzen entsteht. Die moderne Welt wurde mit der Kraft der Märkte aufgebaut, unterstützt durch Gesetze, Wissenschaft, Industrialisierung und Handel.

Die richtige Infrastruktur für die Geldenergie schaffen

Die Ökonomen hatten Recht: Märkte allein können nicht alle Probleme lösen. Marktversagen müssen erkannt und Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Wenn Impact Investing nicht durch eine wirksame Gesetzgebung bestimmt und unterstützt wird, läuft es Gefahr, ein rein utopisches Unterfangen zu werden. Die USA müssen sich den anderen großen Nationen anschließen und eine wirtschaftspolitische Grundlinie verfolgen, die auf progressive Besteuerung, lebensunterhaltssichernde Löhne, allgemeinen und erschwinglichen Zugang zu Gesundheitsversorgung und bezahlbares, sicheres Wohnen abzielt. Es bedarf dringend öffentlicher Impact-Investitionen in die Grundlagenforschung zu erneuerbaren Energien und zur Krankheitsverhütung sowie in energieeffiziente öffentliche Verkehrsmittel. Unternehmen, die „zu groß sind, um zu scheitern“, müssen zerschlagen werden, damit ihr politischer Einfluss und ihre Marktmacht abnehmen und sie ein geringeres Risiko für vergesellschaftete Verluste darstellen. Wir dürfen nicht weiter zulassen, dass Geldenergie die Politik korrumpiert und verzerrt. Und wir müssen es den anderen Ländern der Welt gleichtun, indem wir einen ehrlichen Preis für den Ausgleich von Treibhausgasemissionen festsetzen. Angesichts unserer Geschichte und aktuellen gesellschaftlichen Probleme müssen wir all dies unter Berücksichtigung von wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit tun. Es macht mir Mut, dass diese so notwendigen Veränderungen in der gegenwärtigen Legislaturperiode der USA zumindest diskutiert werden.

Alte Geldenergie in neue umleiten

Und der letzte Punkt: Das System kann und wird sich nicht aus sich selbst heraus erneuern. Mit dem steigenden Interesse an Impact Investing wird diese Art der Geldanlage zum neuen Geschäftsfeld der Finanzriesen. Diese Versuche, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, haben kaum Einfluss auf die übergeordnete, oligopolistische Struktur der Gewinnmaximierung. Ich habe starke Zweifel daran, dass die Infektion den Wirt verändern wird. Darum müssen wir weiterhin authentische Alternativen außerhalb der dysfunktionalen, aber immer noch vorherrschenden Geld-Infrastruktur fördern und ausbauen.

Die Informationstechnologie hilft uns bei der Bewegung weg von großen, riskanten, konzentrierten Systemen und hin zu stärker verteilten, belastbaren Infrastrukturen. Gigantismus führt zu übersteigerten Gehältern und Machtkonzentrationen. Die Finanzwelt gilt als skalierbar, doch wie viele große Finanzinstitute sind wirklich in jeder Beziehung herausragend? Die kleine, gezielt sinngetriebene Anlagefirma, deren Mitgründer ich bin, sticht die Finanzkolosse, denen ich den Rücken gekehrt habe, in vielen Bereichen aus. Die Größe eines Unternehmens wirkt sich ab einem gewissen Punkt zum Nachteil des Kunden aus, verhilft denjenigen, die das Geld verwalten, jedoch zu überdimensioniertem Reichtum.
Neue Geldprinzipien

Weltweit haben knapp 300 institutionelle Investoren mit einem Gesamt-Anlagevermögen von 59 Milliarden US-Dollar die UN Principles for Responsible Investment (Grundsätze für verantwortungsbewusstes Investment/PRI) unterzeichnet. Die Gruppe der Unterzeichner reicht vom Staatlichen Pensionsfonds Norwegen bis zum New York City Employees Retirement System, dem Versorgungssystem des öffentlichen Dienstes von New York City. Sie alle verpflichten sich, sechs Grundsätze zu befolgen und ihre Finanzmanager anzuweisen, dasselbe zu tun. Die Grundsätze laufen darauf hinaus, dass bei Investitionen eine umfassendere Perspektive berücksichtigt wird, die anerkennt, dass Umweltauswirkungen, gesellschaftliche Faktoren und Unternehmensführung einen wichtigen Einfluss auf die finanziellen Ergebnisse haben. Dies ist zwar besser als nichts, stellt jedoch ein immer noch extrem eingeschränktes Konzept verantwortungsvollen Investierens dar.

Man stelle sich vor, dass die Investoren, in deren Händen diese wirklich riesigen Geldmengen liegen, sich außerdem zu Grundsätzen wie diesen verpflichten würden: Die Gehaltsstrukturen der Finanzberater werden transparent gemacht, um zu verstehen wie sie zu sozialer Ungerechtigkeit beitragen. Kleinere Unternehmen und Finanzberater vor Ort werden bevorzugt beauftragt. Eigentums- und Mitarbeiterstrukturen der Finanzberatungsfirmen entsprechen der demographischen Zusammensetzung eines Landes, sowohl in Bezug auf die Geschlechterverteilung als auch auf ethnische und kulturelle Zugehörigkeit.
Ein durchschnittlicher Haushalt in den USA braucht derzeit etwa 20 Jahre, um eine Million US-Dollar zu verdienen (vorausgesetzt, die Ausgaben sind gleich Null). Manch ein Finanzberater verdient in einem Jahr ebenso viel wie ein durchschnittlicher Arbeiter in 100 oder sogar 1.000 Jahren. Wie auch immer man es betrachtet, anderer Leute Geld zu verwalten ist nicht 1.000-mal mehr wert, als die Menschen um einen herum durchschnittlich verdienen.
Veränderung tut weh, und die Umgestaltung der Geldenergie wird von einem weltweiten Aufschrei begleitet werden – aus Boston, New York, London und Frankfurt. Danach jedoch würden wir die vielfältigen Vorteile genießen. Die Welt des Geldes würde kleiner und stärker örtlich begrenzt. Es wäre eine Welt, in der mehr Vielfalt herrscht und an der Menschen unterschiedlicher ökonomischer Schichten und Ethnien, Männer wie Frauen, gleichberechtigter beteiligt wären. Damit wäre sie automatisch progressiver. Finanzmanager würden zu begeisterten Anhängern des Impact Investing. Und einige der privilegierten, talentierten College-Absolventen, die heute noch vom Big Money angelockt werden, könnten ihre Zeit produktiver nutzen. Vor allem jedoch hätte der Finanzsektor, ganzheitlich betrachtet, dramatisch bessere Gesamtauswirkungen. Sozial gerechte, umweltverträgliche, nachhaltige und dezentralisierte Marktsysteme vermindern Risiken, schaffen bestmögliche langfristige Finanzgewinne und verringern Marktversagen.
Geld arbeiten lassen – mit einem guten Gefühl
Ich bin heute einer von drei Gründungspartnern von Arjuna Capital. Wir verwalten Vermögen für Einzelpersonen, Familien, Familienstiftungen und den gemeinnützigen Sektor. Für uns – und ich denke, auch für unsere Kunden – fühlt sich die neue Geldenergie besser an, denn sie konzentriert sich wirklich auf das, was wichtig ist: Geld mit unseren besten Absichten in Einklang zu bringen und einen Beitrag zur Lösung wesentlicher, miteinander verflochtenen Probleme zu leisten, statt sie noch zu verschärfen.
Der Aktienbesitz unserer Kunden gibt uns die Macht, mit großen Unternehmen ins Gespräch zu kommen sie auf ihre Verantwortung hinzuweisen. Dabei verfolgen wir immer das langfristige Interesse des Anteilseigners – und das besteht nicht darin, den Markt zu übertreffen, sondern die Ergebnisse des Markts insgesamt zu verbessern. Wir sind mit Unternehmen im Gespräch über die Risiken von Zahlungsausfällen im Energiesektor (stranded carbon assets), über Produktivitätsvorteile, die sich durch Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern in der Tech-Branche erzielen lassen, und über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorteile von freiem Internetzugang und Netzneutralität. Zu den Eigentümern von Privatunternehmen zählen viele Kleinaktionäre, und durch die Macht der Netzwerke kann diese große Gruppe von Anlegern einen Platz am Verhandlungstisch des Geldes einnehmen. Demokratisch organisierte Eigentümer sind gleichzeitig engagierte Bürger, Wähler und Familienmitglieder. Ihre Interessen gehen weit über kurzfristige Aktienkursbewegungen hinaus.
Die neue Geldenergie ist stärker verteilt, besser vernetzt und demokratischer als jene, die sie ersetzt. Im Bestfall entwickeln die öffentliche und die private Vermögensanlage eine Vision für eine bessere Zukunft und lenken die Ersparnisse von heute in die Chancen von morgen. Die umgeleitete Energie des Geldes wird nur dann ihre Reichweite erhöhen, wenn sie sich auf authentische Weise mit größeren gesellschaftlichen Bewegungen verbindet und eine gleichberechtigte Bürgerbeteiligung, eine intakte Umwelt sowie wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit fördert. Geldenergie existiert nicht mehr getrennt von diesen Bestrebungen, sondern ist ihr finanzieller Arm. Impact-Investitionen können dem Anleger attraktive Gewinne einbringen. Doch mit einer breiteren Perspektive sieht man häufig mehr. Um ihren eigenen Regeln entsprechend Erfolg zu haben, muss die neue Geldenergie das ersetzen, was vorher war. Sie muss ein leistungsfähigeres, belastbareres System stützen und uns mit unseren grundlegenden Werten und dem sozialen Leben vor Ort verbinden. Sie muss weltweit im Sinne aller Menschen agieren und den Kreis derjenigen erweitern, auf die wir Rücksicht nehmen und die wir schützen. Sie muss Umweltschäden transformieren und unseren Lebensraum für nachkommende Generationen erhalten.

Danksagung:
Ich danke meinen großartigen Kollegen, langjährigen Partnern und guten Freunden
Christina Rappich, Eric Poettschacher, 
Farnum Brown, Jane Settree-Seitchik, Natasha Lamb.
Sie alle haben durch kluge Hinweise und hilfreiche Kommentare zu diesem Essay beigetragen.

Adam Seitchik ist Chief Investment Officer bei Arjuna Capital. Die Investmentspezialisten von Arjuna Capital gelten in den USA als eine der erfahrensten und qualifiziertesten Finanzmarktanalysen für ökologisch und sozial nachhaltiges Investieren; insbesondere bei der Risiken- und Chancenbewertung im aufkeimenden Bereich der ESG (Environmental, Social und Governance) Anlagestrategien. 

Alex Andreev lebt in St. Petersburg und arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Zeichner, Maler und Grafikdesigner. Er ist als Art Director in einer Werbeagentur tätig und begleitet als Konzeptkünstler Filmproduktionen und Game-Entwicklungen. Seine Arbeiten können online bei UGallery erworben werden.

2 Kommentare

  1. Dr. Bernhard Becker

    Hervorragender Artikel! Macht nachdenklich und wechselwillig!
    Ich würde gerne noch mehr dazu erfahren.
    Beste Grüße

    B. Becker

    Antworten
  2. Mac Mueller

    Ein langer aber lohnenswerter Artikel über die Gedankengänge und Status-Quo Analysen eines Finanzwelt-Insiders.
    Ich hoffe sein Optimismus wird von immer mehr Menschen geteilt und macht eine Transformation möglich.

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