Wetiko:

Energie, Herrschaft und

menschliche Gesellschaften

Von Martin Kirk

9. Mai 2016

Wir sind im Wandel. Wir verwandeln. Alles.

Wenn sich eine Raupe verpuppt, löst sich ihr Körper in eine Art Urglibber auf, der als Schmetterling neue Gestalt erlangt. Die Strukturprinzipien des gesamten Organismus werden von Grund auf neu gebildet. Er verändert sein Aussehen, seine Fortbewegungsart und seine Ernährungsweise. Er wird im Grunde zu etwas völlig Anderem. Der Schmetterling besteht aus demselben Ausgangsmaterial wie die Raupe, doch dieses Material wird so komplett anders strukturiert, dass das Alte im Neuen kaum wiederzuerkennen ist.

Es ist nicht leicht, sich vorzustellen, dass sich die Welt der Menschen in ebenso dramatischem Ausmaß verwandelt wie die Raupe. Doch genau das geschieht. Alte Organisationsprinzipien vergehen, neue entstehen. Ein Großteil unserer alltäglichen Wirklichkeit fühlt sich vertraut und vorhersehbar an, wenn nicht sogar stabil und unveränderlich. Dies gibt uns ein trügerisches Gefühl der Kontinuität. Tatsächlich sind wir jedoch dabei, in ein Puppenstadium einzutreten. Unsere alte Raupenstruktur löst sich langsam auf. Die Lebensenergie wird neu ausgerichtet und strukturiert, und mit der Zeit bilden sich neue Formen heraus.
Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich
Um die Zeichen dieser Transformation richtig deuten zu können, müssen wir zunächst einmal die Organisationsprinzipien verstehen, die jetzt unser Leben bestimmen. Wir müssen die Gründe für das Aussehen und Verhalten der Raupe benennen, um zu verstehen, was sich verändert  – und was sich möglicherweise verändern kann. Denn anders als die Raupe handeln wir nicht rein instinktiv. Unsere kognitive Fähigkeiten sorgen dafür, dass wir uns gemeinsam mit unserer Umwelt entwickeln. Wir nutzen unsere Intelligenz, um zu lernen, zu analysieren, Entscheidungen zu treffen und riesige Energieflüsse zu lenken. Gleichzeitig sind wir Gesetzen und Energien unterworfen, die weit jenseits unseres Verständnisses und unserer Kontrolle liegen. Kurz gesagt: Wir formen und werden geformt; wir lenken und werden gelenkt. Wir befinden uns in einem immerwährenden Prozess des Mit-Werdens mit der Welt, die uns umgibt.
Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich
Um die Organisationsprinzipien zu verstehen, die wir – hoffentlich – gerade überwinden, können wir auf ein gedankliches Konzept zurückgreifen, das bei vielen indigenen Nationen Nordamerikas verbreitet ist. Je nach Nation wird dieses Konzept als wetiko, windingo oder wintiko bezeichnet. Es beschreibt eine seltsame und oft beängstigende Denk- und Verhaltensweise. Da es sich aus einer zutiefst nicht-westlichen Weltanschauung entwickelt hat, steht es außerhalb der westlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Traditionen. Dadurch wird es jedoch besonders wertvoll für westliche, nicht-indigene Menschen, denn wenn wir bereit sind, es offen anzunehmen, birgt es das Potenzial, unser Denken von beschränkenden Grundannahmen zu befreien.
Solange wir unserem alten „Raupendenken“ und -handeln zu stark verhaftet sind, können wir die schier unendlichen Möglichkeiten nicht erkennen, die unser Schmetterling-Werden für uns bereithält. Wir können Wetiko daher als Hilfsmittel nutzen, um zu verstehen, woher wir kommen und warum – und um unseren weiteren Weg im Rahmen der Möglichkeiten mitzubestimmen.
Der Wetiko-Virus

„Die riesige, weiten Prärie, die wunderschönen Hügel und die verschlungenen Flüsse mit ihren Dickicht waren für uns nie ‚wild‘. Nur für die Weißen war die Natur eine ‚Wildnis‘, nur in ihren Augen war sie voll von ‚wilden‘ Tieren und Menschen. In unseren Augen war sie zahm. Die Erde war üppig und reich, sie umgab uns mit den Segnungen des Großen Mysteriums. Erst, als der behaarte Mann aus dem Osten kam und uns und unseren geliebten Familien in seiner brutalen Raserei Unrecht antat, wurde die Welt für uns ‚wild‘.“
Luther Standing Bear, Land of the Spotted Eagle, Bison Books (2006)

Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich
Viele spirituelle Traditionen, darunter Buddhismus, Sufismus, Taoismus, Gnosis und die Philosophien zahlreicher indigener Kulturen, haben bereits vor langer Zeit erkannt, wie stark die Welt im Geist verwurzelt ist. Im Kern dieser Weltanschauungen liegt die Erkenntnis, dass Denkweisen den Energiefluss von Menschen und ganzen Gesellschaften bestimmen können.
Auch in westlichen Denktraditionen gibt es seit Jahrhunderten ähnliche Ansätze. Platons Ideenlehre enthält die früheste Formulierung dieses Konzepts: Platon zufolge leitet sich die materielle Welt aus einer perfekten Welt der nicht-materiellen Ideen ab. Modernere Interpretationen der Ideenlehre finden sich in Pierre Teilhard de Chardins Konzept der Noosphäre (der Sphäre des menschlichen Geistes/Verstandes) und in Carl Gustav Jungs Begriff des kollektivem Unbewussten, der Wesen einer Spezies gemeinsame unbewusste Strukturen zuschreibt.
Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich
All diesen Konzepten gemeinsam ist die Vorstellung, dass die am tiefsten verwurzelten Denkweisen die Grundbausteine unserer Wahrnehmung bilden und so unser Verständnis der Wirklichkeit bestimmen. Aus diesem Verständnis ergeben sich unsere Absichten, und aus unseren Absichten folgen unser Verhalten und unsere Handlungen.
Mit dem Begriff Wetiko bezeichnen die Algonquin einen kannibalischen Geist – man könnte es auch eine kannibalische Denkweise nennen –, der bzw. die sich als Gier, Exzess und egoistischer Konsum äußert. Wetiko verleitet den von ihm Befallenen zu der Annahme, dass das rücksichtslose Ausschlachten jeder verfügbaren Energie (auch der Energie anderer Menschen, Tiere und sonstiger Lebewesen) eine logische und moralisch vertretbare Strategie für ein erfolgreiches Leben ist.
Wetiko verursacht einen Kurzschluss im Denken, der dazu führt, dass sich der Befallene nicht mehr als Teil eines ausgewogenen Systems wechselseitiger Abhängigkeiten wahrnimmt. Die Überhöhung des eigennützigen Egos führt zu Vorherrschaftsansprüchen. Durch die falsche Trennung zwischen dem Menschen und dem Rest der Natur, die Wetiko verursacht, kann der Betroffene nicht mehr das Kannibalische erkennen, das bestimmten Formen und Ausprägungen des Konsums innewohnt. Er stumpft ab, sodass er nicht mehr spürt, dass sein Handeln letztlich selbstzerfleischend ist. Stattdessen zwingt ihn Wetiko, in einem blinden, mörderischen Rausch der Selbsterhöhung immer mehr zu konsumieren. Um Wetiko für westliche Menschen verständlicher zu machen, beschreibt Buchautor Paul Levy das Phänomen mit dem Begriff „bösartige Egophrenie“: ein vom Verstand abgekoppeltes, zügelloses Ego, das der bösartigen Logik einer Krebszelle folgt. Ich werde dennoch weiterhin den Begriff Wetiko verwenden, da dies die ursprüngliche Bezeichnung ist und auf den hohen Erkenntnisgrad indigener Kulturen verweist.
Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich
Source: Unknown
Wetiko kann sowohl für die Krankheit als auch für den befallenen Organismus stehen. Ein Mensch kann von Wetiko infiziert sein und die Krankheit in weit fortgeschrittenen Fällen auch verkörpern. Er wird dann zum Wetiko. Dies gilt auch für Kulturen und Systeme. Alles, was die genannten Eigenschaften gewohnheitsmäßig aufweist, kann als Wetiko beschrieben werden. Anders gesagt: Die Wetiko-Denkweise kann als Organisationsprinzip fungieren, das die Aufmerksamkeit und Energie von Einzelnen und ganzen Gesellschaften ausrichtet.
Dabei ist es letztlich egal, ob die Energiequellen erneuerbar oder erschöpflich sind. Es geht nicht darum, welche Art von Energie genutzt wird, sondern von welchen Absichten die Nutzung geleitet wird. Eine von Wetiko befallene Struktur wird der Ansicht sein, dass es nötig und moralisch ist, Energie so schnell zu verbrauchen, wie es die Technologie erlaubt, und sämtliche Effizienzgewinne in gesteigerten Verbrauch umzuwandeln. Ist die Absicht von einem Gefühl der Begrenztheit abgekoppelt und geprägt vom Wunsch nach Exzess, selbstsüchtigem und selbstverherrlichendem Konsum, dann haben wir es mit Wetiko zu tun.
In seinem Buch Columbus und andere Kannibalen, das mittlerweile zu einem Klassiker geworden ist, beschreibt der indigene US-amerikanische Historiker Jack D. Forbes die bei vielen indigenen Gemeinschaften zur Zeit der Kolonialisierung verbreitete Überzeugung, dass Wetiko ein bestimmender Wesenszug der Ursprungskultur der europäischen Kolonialisten sein müsse, da diese derart chronisch und durchgängig von Wetiko befallen seien. Forbes betrachtet die Geschichte dieser Kulturen und kommt zu dem Schluss: „Die Weltgeschichte der vergangenen 2.000 Jahre ist leider zu großen Teilen eine Geschichte der Ausbreitung des Wetiko-Virus.“ (Forbes, Jack D. Columbus and Other Cannibals: The Wetiko Disease of Exploitation, Imperialism and Terrorism. Seven Stories Press (2008), p.46.)
Burton Historical Collection, Detroit Public Library; Photograph from the mid-1870s of a pile of American bison skulls waiting to be ground for fertilizer.
Es ist wohl kaum eine Übertreibung, das Verhalten der europäischen Kolonialisten in Nordamerika als kannibalisch zu bezeichnen. Die Maschinerie der einfallenden Kultur sog die Energie von Millionen anderer Geschöpfe auf und verwandelte sie eigennützig in Wohlstand und Macht. Das Funktionsprinzip dieser Kultur machte die Beherrschung anderer ebenso erforderlich wie wünschenswert. Sie diente der Zweckerfüllung der Kultur. Darüber hinaus geschah all dies mit der moralischen Gewissheit, dass jegliche Zerstörung gerechtfertigt sei, die den Zielen der Kultur dient: „Fortschritt“  und „Zivilisation“.
Die Kultur war von diesem selbstbezogenem Ehrgeiz so geblendet, dass sie nicht in der Lage war, andere Lebensformen und Kulturen als gleichwertig zu erkennen. Die Sicht der Invasoren war eingeschränkt durch ihre ideologischen Scheuklappen, sodass sie nicht wahrnehmen konnten, dass allem Leben Wert innewohnt und alle Dinge miteinander verbunden sind – und das, obwohl genau diese Betrachtungsweise unter den indigenen Bevölkerungen, auf die sie trafen, vorherrschend war. Es scheint, als war ihnen die Fähigkeit abgetrennt worden, auf andere als ihre gewohnte Weise zu sehen und Erkenntnis zu gewinnen.
Doch dies ist keine Tirade gegen Europa. Es ist die Beschreibung der viralen Ausbreitung einer Denkweise. Diese Verbreitung wurde durch grundlegende Muster der Geschichte bestimmt, einschließlich derer, die die Europäer in die Lage versetzte, mit dem Aufkommen bestimmter technischer Möglichkeiten die „Entdeckung der Welt“ voranzutreiben.
Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich

Auf der Suche nach Wetiko

Wetiko-Denken auf individueller Ebene gibt es höchstwahrscheinlich schon seit Anbeginn der Menschheit, denn schließlich hat es seinen Ursprung und Lebensraum in der menschlichen Psyche.
Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich
So ist beispielsweise bekannt, dass sich die Spuren Wetiko-ähnlicher Glaubensvorstellungen mindestens bis zur neolithischen Revolution vor etwa 10.000 Jahren zurückverfolgen lassen. Damals begannen die Menschen im fruchtbaren Halbmond ihre Umwelt durch landwirtschaftliche Praktiken zu beherrschen, die Daniel Quinn als „totalitäre Agrikultur“ bezeichnet: die Überproduktion von Lebensmitteln gemessen am Bedarf der Bevölkerung, bei der die Vernichtung von Lebewesen, die dieser Überproduktion im Wege stehen – seien es andere Menschen, „Schädlinge“ oder landschaftliche Gegebenheiten – als nicht nur legitim, sondern sogar moralisch geboten betrachtet wird.
Die Sozialhistorikerin Riane Eisler zeichnet eine grundlegende Neuausrichtung der Kulturen Europas und des Nahen Ostens nach, die vor etwa 5.000 Jahren begann. Eisler zufolge war es in erster Linie ein Wechsel weg von Gesellschaften, in denen Schöpfungsgöttinnen als oberste Gottheiten verehrt wurden, hin zu solchen, in denen diese Göttinnen durch männliche Gottheiten verdrängt wurden, die vor allem für Krieg und Unterwerfung standen. Anstatt die Energie von Schöpfung und Leben zu verehren und alles Leben als Teil heiliger, verwobener Zusammenhänge zu sehen, beteten die Menschen nun die Energie von Zerstörung und Unterwerfung an und betrachteten das Leben in hierarchischen Mustern. Oft wird dies als Entstehen des Patriarchats beschrieben, doch ebenso gut ließe es sich als Wetiko bezeichnen.
Mit dem Christentum erhielt diese Logik einen Aufschwung von schier unbeschreiblichem Ausmaß. „Lasset uns Menschen machen, […] die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht“ spricht kein geringerer als Gott in Genesis 1,26. Diese Logik – nun mit monotheistischer Legitimierung – wurde in den zwei Jahrhunderten nach dem Tod Christus mit römischen Schwertern in ganz Europa verbreitet. Es ist kein Zufall, dass das bestehende heidnische Glaubenssystem mit seiner immer noch vorherrschenden Göttinnen-Verehrung und seiner Sicht des Menschen als Teil und nicht Krone der Schöpfung ausgelöscht werden musste, damit das Christentum siegen konnte.
Consumer Christ, Banksy, Photo: reubeniz

Die Verbreitung von Wetiko hat deutliche Spuren hinterlassen. Auch wenn sich keine Pathologie entlang geografischer oder ethnischer Grenzen festmachen lässt, hat der kulturelle Wetiko-Virenstrang, mit dem wir es heute zu tun haben, seine stärksten Wurzeln in Europa. Schließlich waren es europäische Entwicklungen – von der Aufklärung über die industrielle Revolution bis zu Kolonialismus, Imperialismus und Sklaverei –, aus denen die Technologie erwuchs, die eine Ausrichtung der Energie ermöglichte, mit der sich die Wetiko-Kultur um die ganze Welt verbreiten konnte. In dieser Hinsicht sind wir alle Erben und Nachkommen des Wetiko-Kolonialismus.

Wir alle sind inzwischen Träger des Wetiko-Virus.

Wetiko-Kapitalismus
Als westliche Anthropologen in den 1930er Jahren erstmal das Phänomen Wetiko untersuchten, hielten sie es für eine Krankheit, die den einzelnen Menschen befällt. Sie glaubten, es sei buchstäblich eine Form des fleischfressenden Kannibalismus. Beide Annahmen waren zwar nicht falsch, griffen aber mit Sicherheit zu kurz, wie die bisherigen Ausführungen verdeutlichen. Und doch lagen sie richtig, als sie zwei Kennzeichen der Krankheit identifizierten, die auch für Überlegungen zur kulturellen Entwicklung von Bedeutung sind: 1.) Der Ursprungsakt führt, selbst wenn er durch pure Notwendigkeit bedingt war, zu einem bleibenden, unnatürlichen Bedürfnis nach mehr. 2.) Das Herz des Krankheitsträger, den die Forscher als „Opfer“ bezeichneten, „erkaltet“, d.h. er verliert die Fähigkeit zu Empathie und Mitleid.
Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich
Die Beschreibung dieser Kennzeichen lässt sicher ahnen, wie sich Wetiko im modernen Kapitalismus äußert: die unersättliche Gier des Kapitalismus nach erschöpflichen Ressourcen, sein Bedürfnis nach ständigem Konsumexzess, seine Missachtung des Leids, das er den Kulturen und Arten zufügt, die er konsumiert oder zerstört, sowie sein alles beherrschender Zwang, weiter und weiter materiell zu wachsen. Die neoliberale Ausprägung des Kapitalismus (der rechtmäßige Nachfolger des historischen Kapitalismus) lässt sich treffend als kannibalisches System bezeichnen, das alles Leben auf diesem Planeten verschlingt. Dies ist natürlich nicht die ganze und einzige Wahrheit. Der Kapitalismus hat auch eine explosionsartige Weiterentwicklung des menschlichen Lebens und Erfindungsgeistes ermöglicht. Doch insgesamt betrachtet frisst sich der Kapitalismus im Dienste seines eigenen Wachstums buchstäblich durch die Lebensenergie dieses Planeten.
Die Infektion ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sie ein exponentielles Wachstum von Kapital und Material erfordert. Der Weltbank zufolge müssen wir dafür sorgen, dass die Weltwirtschaft jährlich um mindestens drei Prozent wächst, wenn wir eine Rezession vermeiden wollen. Denken wir diese Forderung einmal durch. Im Jahr 2014 lag das weltweite Bruttoinlandsprodukt bei etwa 78 Billionen USDollar. 2015 haben wir diesen Kuchen um 2,4 % vergrößert, was zur Kommodifizierung und zum daraus folgenden Verbrauch von menschlicher Arbeitskraft und natürlichen Ressourcen in Höhe von insgesamt ca. 2 Billionen US-Dollar führte. Das entspricht in etwa der gesamten Weltwirtschaft im Jahre 1970. Es hat vom Anbeginn der menschlichen Zivilisation bis 1970 gedauert, bis wir auf ein weltweites BIP von 2 Billionen US-Dollar kamen, und jetzt brauchen wir diese gesamte Summe als bloße Wachstumsdifferenz, damit das ganze Kartenhaus nicht in sich zusammenfällt. Um ein solches Wachstum zu erreichen, zerstört der Kapitalismus unseren Planeten, verursacht ein massenhaftes Artensterben und vertreibt weltweit Millionen unserer Brüder und Schwestern (die wir gerne als „die Armen“ bezeichnen) aus ihrer Heimat.
Dies ist der Kontext und das Ergebnis der Wetiko-Funktionsweise, mit der wir heute leben. Paul Levy prägte dafür den Begriff Wetikonomie.
Wenn uns also erzählt wird, dass Wachstum die einzige Antwort ist, dass der Markt alles am besten selbst regelt, dass die Rettung in der Technologie liegt oder dass der Philanthrokapitalismus die Chancen neu verteilen wird, dann muss uns klar sein, dass all diese scheinbar so selbstverständlichen Alltagsweisheiten fest in der Wetikonomie verankert sind. Und je mehr diese auf Wachstum/Märkten/Technologie/Philanthropie basierenden Heilsvorstellungen uns als „unveränderlich“ präsentiert werden, je häufiger es heißt, dass es keine Alternative gibt, desto stärker sollten wir das alles in Frage stellen. Denn die wunderbare Ironie an der Sache ist: Wenn man erst einmal weiß, womit man es zu tun hat, sind solche Aussagen klare Wegweiser dorthin, wo der grundlegendste Wandel nötig ist.
Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich
Das bedeutet nicht, dass wir gegen Wachstum, Märkte und das alles sein müssen. Im richtigen Rahmen sind sie eine gute Sache. Wir müssen jedoch erkennen, wann sie benutzt werden, um den Irrsinn der Wetikonomie zu verschleiern oder entschuldigen. Und wenn wir vor der Wahl stehen, in wen wir unsere Hoffnung setzen wollen, sollten wir die gewichtigen Worte von Jack Forbes im Ohr haben: „Es ist unlogisch, den Wetikos ihre bösartigen Handlungen zu gestatten und dann auch noch ihrer Einschätzung des menschlichen Lebens und der menschlichen Natur zu folgen. Denn Wetikos stehen unter dem Einfluss ihres eigenen, bösen Lebens und unmoralischen Verhaltens. Und wenn ich mich nicht irre, waren und sind sie außerdem geisteskrank.“
Wetiko erkennen: eine Logik als Gegenmittel
Was also können wir tun? Forbes zufolge können wir Wetiko nicht im herkömmlichen Sinne „bekämpfen“: „Eins der besonders tragischen Merkmale der Wetiko-Psychose besteht darin, dass sie sich zum Teil über den gegen sie gerichteten Widerstand ausbreitet. Das heißt, dass diejenigen, die Wetiko bekämpfen, manchmal Wetiko-Werte annehmen, um zu überleben. Sie verlieren also auch dann, wenn sie gewinnen.“
Wynwood Art District Miami, Photo: C. Rappich
Die gute Nachricht: Sobald uns Denkweisen bewusst werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass wir ohne weiteres Überlegen in sie verfallen. Wie der Löwenzahn, der sich seinen Weg durchs Asphalt bahnt, durchbricht bewusste Aufmerksamkeit die Kontrolle von Wetiko. Ein Therapieansatz besteht also einfach darin, Wetiko zu erkennen: bei uns selbst, bei anderen und in der Infrastruktur unserer Kultur.
Erst dann können wir, die wir alle aktive Mitglieder einer Wetiko-Kultur sind, unseren Konsum aus weiter reichender, tiefer gehender und kritischerer Perspektive betrachten und verstehen. Indem wir Wetiko an und in uns selbst erkennen, wird es uns möglich, unsere Selbsterkenntnis mit dem Verständnis der Systeme in Verbindung zu setzen, die uns umgeben und bestimmen. Das Kleine spiegelt das Große, die trivialen Wirkungen sind Spiegel der grundlegenden.

Betrachten wir das Ganze am einfachen Beispiel eines Föns. Der Wetiko-Logik zufolge ist es besser, einen neuen, leistungsstärkeren Fön mit geringerem Stromverbrauch zu kaufen, der das Haar schneller trocknet und so Zeit spart, die wir für andere Dinge nutzen können. Eine Win-Win-Situation des nachhaltigen Konsums.

Die Nicht-Wetiko-Logik sieht hierin jedoch sofort den Denkfehler. Schon das Konzept von nachhaltigem Konsum im Rahmen der Wetikonomie ist in sich widersprüchlich. Die kannibalische Logik, der das Gesamtsystem folgt, bestimmt alles, was ihrem Gebot des materiellen Wachstums dient. Daran ändert sich absolut nichts, wenn man den zunehmenden Konsum mit dem Begriff „nachhaltig“ schmückt. Viele reformatorische Projekte – von der Sharing Economy bis zu Mikrokrediten – sind der fehlerhaften Logik erlegen, dass sich die Gesamtauswirkungen der Wetikonomie beeinflussen lassen, indem man die Produktionsbedingungen optimiert. Dies ist ein fataler Irrtum. Die Nicht-Wetiko-Logik befreit uns aus dieser Denkfalle. Sie führt uns jenseits des kapitalistischen Imperativs, der von uns verlangt, immer mehr zu tun, um immer mehr Energie in weiteren Konsum fließen zu lassen.
Statt diese Einstellungen zu schlucken, mit denen wir auch dann verlieren, wenn wir scheinbar gewinnen, können wir die Wetiko-Logik dort angreifen, wo sie am stärksten wirkt. Beispielsweise in der Vorstellung, dass das BIP ein Maß für den gesellschaftlichen Fortschritt ist. Wenn wir uns vornehmen, die Regeln der Wetiko-Logik zu ändern, beginnt unsere Politik eine Politik des Wandels zu werden.
Wetiko zu erkennen ist ein erster Schritt dahin, seine Logik zu überwinden und unsere enorme, angeborene Fähigkeit für ein Leben ohne Wetiko wiederzuentdecken. Indem wir die Wetiko-Funktionsprinzipien des modernen Kapitalismus strukturell betrachten und einer nicht-apologetischen Kritik unterwerfen, versetzen wir uns in die Lage, die unendlich vielen Alternativen zu sehen, die sich uns bieten, und unsere Energien dorthin fließen zu lassen, wo sie am dringendsten benötigt werden.
Martin Kirk ist Head of Strategy von /The Rules, einem globalen Netzwerk aus Aktivisten, Organisatoren, Designern, Programmierern, Forschern und Autoren, die sich dafür einsetzen, die Regeln zu verändern, aus denen sich Ungleichheit und Armut in der ganzen Welt ergeben.

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