Energie, Wahrnehmung und

gesellschaftlicher Stoffwechsel

Ein Gespräch mit Prof. Marina Fischer-Kowalski

2. Juni 2016

Sie sind Sozialökologin. Womit beschäftigt sich dieser Wissenschaftszweig?

Sozialökologie beschäftigt sich damit, wie Gesellschaft mit Natur umgeht, wie Natur darauf reagiert und was dadurch wieder in der Gesellschaft ausgelöst wird. Wir betrachten das als eine koevolutive Beziehung. Ich interessiere mich zum Beispiel für die Frage, warum alle agrarischen Hochreligionen viele Kinder in der Ehe für einen Segen halten. So etwas kann man sozialökologisch erklären. Ester Boserup hat sehr schön beschrieben, wie in solchen agrarischen Lebensformen immer intensiver auf der gleichen Fläche gewirtschaftet werden muss, weil man sich nicht mehr ausbreiten kann. Es muss also immer mehr Arbeit investiert werden, und dafür braucht es eben viele Kinder. Und um die vielen Münder zu ernähren, braucht es wiederum mehr Arbeit, und mehr Kinder, was das Problem verschärft.

Mal ganz abgesehen von den wissenschaftlichen Aspekten, was fasziniert Sie denn als Mensch an solchen Fragen?

Da leitet mich wohl auch meine anarchistische Ader. Die übliche Art, sich solchen Fragen anzunähern, besteht darin, darüber nachzudenken, wie perfekt Menschen die Natur kontrollieren können. Mir bereitet es großes Vergnügen, mit Theorien zu zeigen, wie Natur diesen Versuchen immer wieder entkommt und neue Herausforderungen produziert. Meine Bewunderung für menschliche Naturkontrolle hält sich daher eher in Grenzen.

Kommen wir zu einem Aspekt, der stark mit Ihrer Forschungsarbeit in Verbindung steht:  Gesellschaftlicher Stoffwechsel. Was hat es damit auf sich?

Alles Leben hat einen Metabolismus. Es braucht einen Stoffwechsel. Es muss Nährstoffe zu sich nehmen, muss atmen und wieder etwas ausscheiden. Das gilt ganz allgemein. Die spannende Frage ist jetzt, kann man eine Gesellschaft oder ein soziales System auch als ein lebendes System mit einem Stoffwechsel verstehen, ist das möglich?

Ist es möglich?

Wir brauchten als Menschen von Anfang an für unseren individuellen Stoffwechsel, also um uns zu ernähren, einen sozialen Zusammenschluss: wir sind das einzige Tier, das seine Nahrung brät und sich damit Verdauungsenergie spart. Dazu benötigte man eine Feuerstelle, die der Clan hütete, und beim gemeinsamen Essen entstand Sprache. Ich würde daher behaupten, der menschliche Stoffwechsel war von vorn herein ein gesellschaftlicher Stoffwechsel.

Wäre es also zulässig zu sagen, dass ein sozialer Metabolismus genauso arbeitet wie ein menschlicher Körper, der versucht, konstant auf einer Temperatur von 37 Grad zu bleiben? 

Ähnlich. Unsere Institutionen, Organisationen, Ökonomien, Familienstrukturen und Eigentumsverhältnisse entsprechen einem bestimmten Stoffwechsel. Wenn dieser sich verändert, wird es heikel. Wir haben in einer Studie gezeigt, dass Revolutionen wie 1642 in England oder 1949 in China genau zu dem Zeitpunkt ausbrachen, als zum agrarischen Stoffwechsel mit Biomasse die fossile Energie hinzukam. Derzeit haben wir 40 bis 50 Länder weltweit, die sich in dieser kritischen Übergangsphase ihres Stoffwechsels befinden. Von einer agrarischen Feudalgesellschaft hin zu einer kapitalistischen, bürgerlichen – oder wie immer man sie nennen will – industriellen Gesellschaft.

Mit dem Stoffwechsel verändern sich also die Wahrnehmungsstrukturen einer Gesellschaft?

Ja, aber der Zusammenhang zwischen Stoffwechsel und gesellschaftlicher Beobachtung ist für die Menschen, die diese Umbrüche erleben, nicht sehr offensichtlich. Wenn sich der materielle Austausch mit der Natur dramatisch verändert, verändern sich Kulturen, Religionen, die Geschlechterverhältnisse und Generationenverhältnisse, die gesamte gesellschaftliche Organisation. Es entstehen neue Bilder, neue Riten, neue Gewohnheiten, neue Fähigkeiten, neue Bewertungen. Aber die Beteiligten verstehen oft nicht, warum.

Lassen Sie uns doch unterschiedliche metabolische Profile näher ansehen, um das Prinzip zu verdeutlichen. Beginnen wir mit der Jäger- und Sammlergesellschaft.

Das war das bislang am längsten andauernde Stoffwechselregime in der Menschheitsgeschichte, über Jahrmillionen hinweg. Dabei unterscheiden Jäger und Sammler sich eben in einem zentralen Merkmal von Affen: sie benützen Feuer. Dadurch benötigen sie eine geringere Menge hochwertiger Nahrung, und weniger Jagd- und Sammelaufwand. Das geht bis in die Biologie ihrer Körper: Sie können sich einen kürzeren Darm leisten, weil sie anstatt Verdauungsarbeit Holz sammeln und damit ihre Nahrung zubereiten. Einschließlich dieses Brennholzes brauchen Jäger/Sammler pro Kopf ungefähr 10 Gigajoule Energie im Jahr.

Gibt es noch andere Merkmale?

Was noch zu diesem Stoffwechsel gehört, ist, dass er auf einer nicht-sesshaften Lebensweise basiert. Man muss den Nahrungsmitteln nachziehen. Viele Kinder sind in diesem Regime kein Vorteil, denn Frauen können nicht mehr als ein Baby mit sich tragen, und sie müssen es lange stillen, weil es keine Gefäße gibt, in denen man Babynahrung kochen kann. Das Bevölkerungswachstum wird also durch kulturelle und natürliche Regulative beschränkt.

Aber das ändert sich, wenn wir agrarische Gesellschaften betrachten.

Auch Bauern beziehen ihre Energie primär aus Biomasse. Während Jäger/Sammler aber sich von dem ernähren, was durch die einstrahlende Sonnenenergie eben in ihrer Umwelt gedeiht, besteht Landwirtschaft darin, diese Sonnenenergie gezielt auf Flächen zu nutzen, wo das angepflanzt wird, was die Menschen brauchen. Hier werden Wälder gerodet und in Flächen verwandelt, auf denen sich Getreide anbauen lässt oder Vieh weidet. Der agrarische Metabolismus beruht auf der Größe und Qualität der Fläche. Die ertragreichen Flächen werden bewacht und verteidigt, und in ihre Fruchtbarkeit wird sehr viel Arbeit investiert. Nahrung aus guten Zeiten wird für schlechte Zeiten aufgehoben, ein dauerndes Knappheitsregime entsteht. Wenn sich die Agrarflächen nicht mehr ausdehnen lassen, muss intensiviert werden, und dann steigt in traditionellen Agrargesellschaften die Arbeit überproportional zum Ertrag. Dann entsteht ländliche Armut. Europa hatte im 19. Jahrhundert eine solche Agrarkrise.

1695: Einsammeln und Abtransport von Holz mit Pferdegespann, Kupferstich Wolf Helmhardt von Hohberg, Quelle: Wikimedia Commons

Foto: Abel AP

Es betreten neue Energieformen die Bühne.

Richtig. Und aus der Sicht der Sozialökologie viel früher, als man das unter den Technologieexperten sieht. Nämlich schon im 16. Jahrhundert bei den Holländern, die in großen Mengen Torf stechen. In England begann es mit der Kohle. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als nur noch ein paar Prozent Wald übrig waren, und der war weit entfernt von den Städten. Die Städte wuchsen mit der Textilmanufaktur – man hätte sie unmöglich beheizen und bekochen können ohne diese Kohle. Die war aufgrund ihres Gestanks übrigens höchst unbeliebt, nur arme Leute haben sie verwendet. Die Dampfmaschine und die industrielle Revolution kommen erst 200 Jahre später.

„Science on the March“, Popular Mechanics, January 1952 – illustrated by A. Leydenfrost

Womit wir uns auf einen weiteren gesellschaftlichen Stoffwechsel zubewegen.

Der industrielle Metabolismus beginnt eben mit diesem tollen Geschenk der Natur, den fossilen Energieträgern. Während die agrarischen Gesellschaften 40 bis 80 Gigajoule Energie pro Kopf verbrauchen, also bereits mindestens vier Mal mehr als Jäger/Sammler, sprechen wir im industriellen Stoffwechsel dann von 80 bis 400 Gigajoule Energieverbrauch pro Kopf. Eine ganz andere Größenordnung.

Clark Avenue and Clark Avenue bridge, Frank J. Aleksandrowicz/NARA

Und wo stehen wir jetzt?

Die Möglichkeit, große Ressourcenmengen zu mobilisieren, ist abhängig von Energie – und die gewinnen wir weltweit noch immer zu 80 oder 85 Prozent aus fossilen Energieträgern. Das ist die entscheidende Beziehung. Deswegen sieht unsere industrielle Gesellschaft so aus, wie sie aussieht. Früher waren rund 98 Prozent der Ressourcen, die wir genutzt haben, Biomasse. Also im wesentlichen Pflanzen, Tiere, Holz. Heute sind es gut 50 Prozent nicht erneuerbare Materialien – von Metallen bis zu Zement und Baustoffen, Kohle und Erdöl. Das Spektrum änderte sich, und die Menge änderte sich. Wir haben im letzten Jahrhundert die Menge an Ressourcen, die wir pro Kopf und Jahr mobilisieren, ungefähr vervierfacht. Und da unsere Bevölkerung ordentlich gewachsen ist, haben wir die Menge insgesamt fast verachtfacht. Noch so ein Jahrhundert gibt es nicht. Da sollten wir uns keine falschen Vorstellungen machen. Sogar die konservativsten Schätzungen zu Erdöl, Erdgas, Aluminium, Eisen oder Kupfer sehen die Peaks alle im 21. Jahrhundert. Häufig beruhen diese Schätzungen auf den gegenwärtigen Entnahmemengen. Wir steigern aber unsere Entnahmen von Jahr zu Jahr. Also wir werden dieses Stoffwechselregime nicht noch 100 Jahre in der Form weiterfahren. Auch wenn wir das wollen – und die meisten wollen es offenbar.

Vielerorts beruhen alle Hoffnungen auf neuen Technologien. Teilen Sie diese Hoffnung? 

Das kann ich nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten. Ohne Technologien sind wir verloren. Wir können nicht zurück. Das ist klar. Also müssen wir Technologien nutzen und weiterentwickeln. Effizientere Technologien sind hilfreich und klug. Erneuerbare Energiegewinnung und breiter Zugang zu Wissen mit Hilfe von Informationstechnologien sind unentbehrlich. Nur bringen sie noch nicht die Lösung. Es geht um das Einschwenken auf einen neuen sozialmetabolischen Pfad, auch ökonomisch – also weg vom Wachstumszwang und extremer Ungleichheit; und politisch in Richtung einer längerfristigen Sicherung des Gemeinwohls. Wir müssen zum Beispiel unsere öffentlichen Haushalte eher aus der Besteuerung von Energie- und Ressourcenverbrauch finanzieren als aus der Besteuerung von Arbeitskraft, sonst perpetuieren wir Ressourcenverschwendung und Arbeitslosigkeit.

Was mich in dem Zusammenhang beunruhigt, ist eine stärker werdende Fraktion von technisch orientierten Wissenschaftlern, die ungefähr so argumentiert: Wir müssen den Energiereichtum, den wir momentan noch haben, für den großen Sprung nach vorne nutzen. Also entweder müssen wir uns einen neuen Planeten suchen, auf den wir dann übersiedeln, oder wir machen ein gigantisches Geo-Engineering-Experiment und gestalten unsere Atmosphäre um, oder wir greifen massiv in die Evolution ein und produzieren uns ganz neue Organismen. Ich sehe, dass das verlockende Phantasien für bestimmte Teile der Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft sein können – ich halte diese Vorstellungen aber nicht nur für unrealistisch, sondern auch für gefährlich.

Foto: Shutterstock, Algol

Aber sie passen gut in die Grundannahmen des jetzigen Metabolismus.

Sie passen absolut in das Paradigma. Das ist ja das Dilemma, dass wir am liebsten weitermachen würden wie bisher. Dann kommt die Wissenschaft und sagt, wenn wir das tun, steuern wir auf eine Klimakatastrophe zu; wir müssen daher unsere Schlüsselstrategie, nämlich fossile Energieträger zu verbrennen, abstellen. Das widerspricht etablierten Interessen. Man wundert sich fast, wie weit die Wissenschaft vor diesem Hintergrund gekommen ist, aber sie braucht dringend Verstärkung. Wissenschaft allein wird das nicht drehen. Aber immerhin gibt es nun auf politischer Ebene zumindest internationale Absichtserklärungen.

Welche Veränderungen bräuchte es denn aus Ihrer Sicht?

Das hängt vom Blickwinkel ab, die Welt ist heterogen. Da sind die reichen OECD-Länder, in denen immer mehr Menschen mit ihrem Leben und ihren Regierungen unzufrieden sind, zu dick werden, unter Stress leiden – und trotzdem soll alles so bleiben, wie es ist oder wie es einmal war. Da sind die aufstrebenden Länder, die erst in den letzten Jahrzehnten eine industrielle Transformation durchlaufen haben, und die wollen möglichst schnell und auf ähnliche Weise reich werden wie die OECD-Länder – siehe etwa China oder Brasilien. Und dann sind da jene Agrarländer, die erst am Anfang der industriellen Transformation stehen, großes Bevölkerungswachstum haben und pro Kopf immer ärmer werden – in denen toben schwere und unlösbar scheinende Konflikte, so wie es sie ganz ähnlich in den heutigen OECD-Länder in dieser Phase früher auch gab. Heute gehören dazu zum Beispiel Haiti, Afghanistan, Nigeria. Das OECD-Modell taugt nicht zur Nachahmung durch die ganze Welt; ein so verschwenderischer Stoffwechsel findet nicht genug Platz auf unserem Planeten.

Ganz generell wird das Thema Energie falsch repräsentiert. Wir machen beispielsweise zwischen Energie im Sinne von Ernährung und Energie im technologischen Kontext einen riesigen Unterschied. Deswegen wird nicht gesehen, dass unser gesamter Stoffwechsel, alle unsere Materialien durch Energie bewegt werden.

Sehen Sie auch positive Entwicklungen?

Ja, die gibt es. Und zwar gar nicht so wenig. Ich halte Städte für wichtige Akteure, wenn es um neue Lebensweisen geht. Und das hat strukturelle Gründe. Städte sind für die Versorgung ihrer Bewohner zuständig, dafür, dass das Alltagsleben funktioniert, die Leute gesund bleiben und sich wohlfühlen. Da liegt es nahe, Überlegungen anzustellen, wie man Energie und Abgase spart, weniger Müll produziert oder eine bessere Kinderversorgung anbietet. Von Klimabündnissen bis zum interstädtischen Erfahrungsaustausch gibt es da viele Initiativen. In Japan haben Bürgermeister erfolgreich mit den Slogans „Slow City“ bzw. „Eco-City“ geworben und damit Wahlen gewonnen. Japan hat es mit den drei „R“s – reduce, reuse, recycle – geschafft, den Materialverbrauch auf das Niveau von 1970 herunterzufahren und die Erfahrungen dieses Landes mit dem Thema Recycling werden heute auch in großem Maßstab von China – trotz aller historischen Feindseligkeiten – in Anspruch genommen. Da ist etwas im Gange, das wir hier in Europa zu wenig sehen. Zugleich besteht Japan gegenwärtig auf die Fortsetzung der Nutzung von Atomenergie – es gibt also auch dort Widersprüchlichkeiten.

Foto: Rex/Shutterstock, Arkadiusz Podniesinski

Eine letzte Frage: Welche Wahrnehmungsveränderung beschäftigt Sie gerade? 

Der Glaube, dass unsere Kinder es einmal besser haben werden, gehörte zum Standard-Repertoire der kollektiven Wahrnehmung in den Nachkriegs-Jahrzehnten, vielleicht sogar seit der industriellen Revolution. Heute wird die Vorstellung eines sich automatisch in die Zukunft fortsetzenden Fortschritts brüchig, und eine überzeugende neue Vision ist nicht in Sicht. Die werden wir aber brauchen.

Danke für das Gespräch.

Prof. Marina Fischer-Kowalski gründete das Institut für Sozialökologie in Wien und war dessen langjährige Leiterin. Von 2002 bis 2010 war sie Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Bis Dezember 2015 fungierte sie als Präsidentin der International Society for Ecological Economics. 

 

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