Energie und Selbstwahrnehmung

Von Barry Lord

27. Januar 2016

Wie sehen Sie sich? 

Wie werden Sie Ihrer Meinung nach von anderen gesehen?

Wie sehen Sie die Anderen?

Fragen wie diese, in denen es um Selbst- und Fremdwahrnehmung geht, lassen sich auf den unterschiedlichsten Ebenen beantworten, von der sehr persönlichen bis zur ganz allgemeinen. Viele der Antworten sind subjektiv und verändern sich im Laufe der Zeit. Doch manche Antworten sind grundlegender als andere, denn sie geben Aufschluss über das gesamte Spektrum möglicher Reaktionen. Diese Antworten, die direkt mit der Energiequelle in Beziehung stehen, die sie möglich macht, gehören zu den wichtigsten unserer so grundlegend prägenden Eigenwahrnehmung. Das gilt auf der individuellen ebenso wie auf der gesellschaftlichen Ebene. Denn jede Energiequelle ist ein integraler Bestandteil der Kultur (und damit der Gesellschaft), die sie ermöglicht oder sogar voraussetzt.

Vielleicht sehen Sie sich als alleinerziehende Mutter, als Student oder als begabte Amateurmusikerin. Jede dieser Identitäten ist jedoch sicher in eine übergeordnete Selbstwahrnehmung eingebettet, die den kulturellen Kontext bildet, innerhalb dessen wir als Individuen miteinander interagieren.

Wahrnehmungen unserer Identität(en), auch unsere Selbstwahrnehmungen, sind kulturell konstruiert. Konsistent sind sie nur im Rahmen der Kultur, zu der sie gehören und deren Teil sie bilden. In meinem Buch Art & Energy: How Culture Changes (The AAM Press, 2014) habe ich versucht aufzuzeigen, dass jede Kultur von der Energiequelle geprägt ist, auf der sie aufbaut. Jede Energiequelle ist außerdem mit bestimmten kulturellen Werten bzw. Wertvorstellungen verbunden. Das mag ein ethischer Wert sein, der angenommen werden muss, damit die Energie erschlossen und genutzt werden kann, oder eine Wertvorstellung, die durch die Energiequelle erst möglich gemacht wird. Einige dieser Werte haben tiefgreifende Auswirkungen darauf, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen.

Am offensichtlichsten wird dies am Beispiel der Sklaverei: Die Arbeitskraft von Sklaven war die vorherrschende Energiequelle der Antike. Um diese Energie verfügbar und nutzbar zu machen, war es notwendig, dass ganze Gesellschaften eine Weltanschauung annehmen, nach der manche Menschen das Recht haben, andere zu kaufen, zu verkaufen und über ihr Leben zu bestimmen. Sklaven dagegen wurden als Rechtlose wahrgenommen, die weder über ihr eigenes Leben noch über das ihrer Kinder verfügen konnten. Diese Werte, die den meisten von uns heute als nicht hinnehmbar erscheinen dürften, wurden durch die Religion, Philosophie und Kultur der Antike akzeptiert – meistens implizit, manchmal jedoch auch ausdrücklich. Von Erstsemesterstudenten im Fach Philosophie kommt häufig die Frage:

„Warum hat Sokrates (oder Konfuzius oder Buddha) sich nie zur Sklaverei geäußert?“

Die Antwort lautet: Weil die Kultur der Unterwerfung hingenommen werden musste, solange die Sklaverei die wichtigste Energiequelle der betreffenden Gesellschaft war. Zur Zeit Platons sollen zwischen zehn- und zwanzigtausend Sklaven in den Erzminen um Athen gearbeitet haben – und wie David Graeber in Schulden: Die ersten 5.000 Jahre (2011) schreibt, waren diese Minen eine wichtige Grundlage für das Münzwesen der Athener. Kein religiöser oder philosophischer Führer der Kulturen, die von der Sklaverei als wichtigster Energiequelle abhängig waren, stellte diese Wertvorstellungen in Frage, denn ohne sie wäre der gesamten Gesellschaft die Grundlage entzogen.

Die Nutzung von Sklaven als Energiequelle reicht zurück in die Zeit, als rivalisierende Gruppen von Jägern und Sammlern ihre Gegner gefangen nahmen und deren Arbeitskraft ausbeuteten. Wie jede Energiequelle wirkte jedoch auch die Sklaverei zunächst auf untergeordneter Ebene. Das kulturelle System der Unterwerfung, auf dem sie beruhte, beschränkte sich also auf die jeweiligen Gefangenen und ihre Besitzer. Die wichtigsten Energiequellen der Jäger und Sammler waren zum einen die Macht über das Feuer als erste natürliche Form der Energie, die vom Menschen beherrscht wurde, und zum anderen die Fähigkeit der frühen Menschen, gemeinsam zu handeln und so den Wirkungsgrad ihrer Energie zu erhöhen (dies war die erste gemeinschaftliche Form der Energieeffizienz-Steigerung). Durch die Macht über das Feuer konnten die Menschen ihren Lebensraum und ihre Nahrungsvielfalt erweitern. Sie bildete jedoch auch die Grundlage für eine Kultur des Zusammenseins um das Lagerfeuer und förderte damit das Gemeinschaftsgefühl. Durch den gemeinsamen Gesang und Tanz am Lagerfeuer bildeten sich Gruppen, die irgendwann über den reinen Familienverband hinausgingen und als Kulturgemeinschaften bestanden. Die Kulturgemeinschaft, die durch die Beherrschung des Feuers möglich geworden war, bildete wiederum ein Lernumfeld, in dem sich Kinder zu jungen Erwachsenen heranbilden konnten, die für den Erhalt der Art und der Gruppe sorgten. Dieser Entwicklungsprozess war nicht mehr rein vom Instinkt gesteuert, sondern basierte auf Erlerntem. Das unterschied den homo sapiens von allen anderen Arten.

Die Kulturgemeinschaft des Lagerfeuers wurde noch bestärkt, als die Menschen erkannten, wie sie ihre Energie durch Zusammenarbeit und gemeinschaftliches Handeln noch wirksamer und effizienter nutzen konnten. Diese Art der gemeinschaftliche Energiequelle wird meistens mit der Jagd in Verbindung gebracht, da der Mensch kaum Voraussetzungen eines erfolgreichen Einzeljägers erfüllt: Er ist weder besonders schnell noch stark und hat keine Klauen oder Reißzähne. In der Gruppe jedoch entwickelte er sich zum erfolgreichsten Jäger der Erde. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass auch die Frauen kooperierten – und ihre Zusammenarbeit war für die Arterhaltung von noch größerer Bedeutung. Die Fortpflanzung und Aufzucht der nachfolgenden Generationen zählt zu den grundlegenden Trieben jeder Spezies, doch für homo sapiens waren diese Aufgaben mit besonderen Herausforderungen verbunden. Um dem menschlichen Gehirn genug Platz zu geben, muss der Schädel des voll entwickelten Embryos so groß sein, dass die Geburt für die Mutter lebensbedrohlich ist. Dies ist bei keiner anderen Spezies der Fall. Die Sterblichkeitsrate von Müttern bei der Geburt dürfte unter steinzeitlichen Bedingungen enorm hoch gewesen sein. Die einzige Möglichkeit, diesem Problem zu begegnen, bestand darin, dass die Frauen einander generationenübergreifend unterstützten. Diese Kooperation erstreckte sich zunächst nur auf die Familie, später dann auf die Gruppengemeinschaft. Möglicherweise gab es in einigen Fällen auch besonders fähige Frauen im Stamm oder Dorf, die als Schamaninnen oder einfach als erfahrene Hebammen bekannt waren. Die Frauen mussten einander helfen und gemeinsam handeln, um sich gegenseitig und ihren Babys das Überleben zu ermöglichen.

Die Kooperation zwischen den Frauen war also unverzichtbar für das – keineswegs sichere – Überleben der Menschheit. Der Einsatz für das Leben – nicht nur das eigene, sondern auch das der nachfolgenden Generation – dürfte die Wahrnehmung weiblicher Identität sowohl durch die Männer als auch durch die Frauen stark geprägt haben. Es ist dieses Frauenbild, das in den frühesten plastischen Darstellungen steinzeitlicher Menschen so unverkennbar zum Ausdruck gebracht wird: den oft als „Venus“ bezeichneten Frauenskulpturen, die tatsächlich Abbilder von Schönheit sind und als solche möglicherweise am Lagerfeuer herumgereicht und gemeinsam betrachtet wurden. Es ist dies jedoch eine Schönheit der Fruchtbarkeit, deren üppige Schenkel, Brüste und Bauch auf die weibliche Kraft hinweisen, den lebensbedrohlichen Akt des Gebärens zu überstehen. Typisch für diese Art der Darstellung ist die aus Ton und Knochenstaub geformte Figur aus dem mährischen Dolní Věstonice – die früheste bekannte Menschendarstellung aus Keramik (ca. 31.000 bis 27.000 Jahre v. Chr.). Sie trägt keine Gesichtszüge; Brüste, Hüften und Gesäß sind dagegen stark ausgeprägt. Frauen werden in diesen frühen Abbildern als Heldinnen im Überlebenskampf der Spezies gewürdigt. Ob die Bildhauer männlich oder weiblich waren, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Sicher ist jedoch, dass die Fähigkeit, Kinder zu gebären, eine zentrale Rolle in der Wahrnehmung von Frauen spielte.

Prehistory, Czech Republic, Paleolithic, Aurignacian-Perigordian – Venus statuette made of clay and bone powder from Dolni Vestonice.. Brno, Moravian Museum. © 2015. DeAgostini Picture Library/Scala, Florence

Mit der Domestizierung von Pflanzen und Tieren wurden aus Jägern und Sammlern allmählich Landwirte. Verstärkt wurde diese Entwicklung dadurch, dass das Energiepotenzial der Viehzucht besonders von den Gruppen genutzt werden konnte, die mit ihren Herden sesshaft wurden. Eine weitere wichtige Energiequelle der Frühzeit und der Antike war das Wasser. Es wurde einerseits zur Bewässerung von Feldern genutzt und ermöglichte es andererseits, dass Menschen in Städten lebten. Klassenunterschiede entwickelten sich zu einem wichtigen Element in der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung der anderen. Ihren Anfang nahmen sie mit der ewigen Kluft zwischen Landwirten und Stadtbewohnern, deren urbane Lebensform von Wasserquellen abhängig war.

Zur selben Zeit gewann jedoch auch die Sklaverei Bedeutung als wichtigste Energiequelle, auf die sich antike Kulturen in aller Welt bis ins siebte Jahrhundert nach Christus stützten. Später wurde die Sklaverei in den nördlichen Klimazonen weniger energieeffizient. Im mittelalterlichen Nordchina und Nordeuropa sorgten landwirtschaftliche Fortschritte für Produktionssteigerungen und ermöglichten die Versorgung wachsender Bevölkerungen. Diese Entwicklungen führten zu einer Kultur des Landbesitzes: Die meist adeligen Grundbesitzer hatten nicht nur Ackerflächen unter ihrer Kontrolle, sondern auch Wälder als Lieferanten von Feuerholz und damit Grundlage der wichtigsten Energiequelle der damaligen Zeit. Einfache Kleinbauern oder Besitzlose, die sich erdreisteten, in den Wäldern des Fürsten oder gar Königs einen Baum zu fällen oder auch nur einen Ast abzusägen, riskierten grausame Strafen.

Das Aufkommen der Kohle und mit ihr die industrielle Revolution bietet ein weiteres gut belegtes Beispiel dafür, wie sich die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Menschen durch die Energiequelle verändert, die die Grundlage der durch sie ermöglichten Kultur bildet. Vor der industriellen Revolution, die maßgeblich von der Kohle als Energiequelle abhängig war, war das Menschenbild in den meisten Fällen durch die Landwirtschaft und die mittelalterliche Kultur des Landbesitzes und damit des Zugangs zum so wichtigen Feuerholz geprägt. Auf der einen Seite gab es Leibeigene und Kleinbauern, die das Land ihrer Lehnsherren bewirtschafteten. Die Lehnsherren – die adeligen Landbesitzer – standen am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums. Wie Marx und Engels so anschaulich darstellten, wurde dieses gesamte gesellschaftliche Beziehungssystem durch die Kultur der industriellen Produktion hinweggefegt, die auf der Energie von Kohle, Koks und Dampf basierte. Im neuen gesellschaftlichen Klassensystem wurden die Menschen nun entweder als Kapitalisten wahrgenommen, also als Besitzer von Minen, Mühlen, Fabriken und Eisenbahnen, oder als Proletarier, die in diesen Produktionsstätten arbeiteten. Grundlage der Kultur der industriellen Produktion waren neben dem ausgeprägten Klassenbewusstsein auch ein starker Arbeitsethos und eine disziplinierte Arbeiterschaft. Die wirksamste Art der Disziplin ist die Selbstdisziplin, und so gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in allen Industriegesellschaften eine gesetzlich verankerte Schulpflicht für Kinder – und zur schulischen Erziehung zählten auch die Hausaufgaben, eine Übung in Selbstdisziplin. Nie zuvor war eine allgemeine verpflichtende Schulbildung als etwas betrachtet worden, das für Kinder wichtig und angemessen ist. Und doch hatte sich die Schulpflicht bereits Mitte des 19. Jahrhunderts überall durchgesetzt und brachte weitreichende gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen mit sich – Energiewenden sind Triebfedern des kulturellen Wandels.

Edouard Manet, The Railway, 1873, Painting. Courtesy National Gallery of Art, Washington

1873 malte Édouard Manet ein Porträt seines Lieblingsmodells Victorine Meurent, die gleichzeitig seine Geliebte war. Vor einem Gartenzaun sitzend, blickt sie von einem Buch auf, neben sich die kleine Tochter eines Freundes von Manet im Sonntagsstaat. Das Mädchen blickt durch den schmiedeeisernen Zaun auf eine Dampfwolke, die aus dem Eisenbahngelände im benachbarten Tal aufsteigt. Der Titel des Gemäldes, „Die Eisenbahn“, benennt das Motiv, doch zuallererst ist dies ein Porträt von zwei Menschen, die in keiner Beziehung zur industriellen Szenerie im Hintergrund zu stehen scheinen. Es ist natürlich dieser Gegensatz, der Manet fasziniert und der besonders in der Gegenüberstellung zwischen dem weißen Sonntagskleid des Mädchens und dem Eisenbahngelände deutlich wird. Es ist ein visuelles Spiel mit der Ähnlichkeit und Verschiedenheit zwischen der aufquellenden Dampfwolke und dem bauschig-weißen Satinkleid. Einen noch stärkeren Kontrast bildet Victorine, die mit dem Rücken zur industriellen Szene sitzt, auch wenn sie diese zweifelsohne hören muss, während sie, den Welpen des kleinen Mädchens auf ihrem Schoß, am Zaun lehnt und liest. Die Welt im Vordergrund des Bildes ist sanft und innig. Im Bildhintergrund hat die raue, lärmende Kultur der industriellen Produktion die Macht übernommen. Manet interessierte sich eindeutig für diesen formalen und inhaltlichen Kontrast zwischen Hintergrund und Vordergrund – Dampf und Seide, Produktion und Muße.

Das kleine Mädchen hat dem Betrachter den Rücken zugekehrt. Den zentralen Anziehungspunkt bildet sowohl kompositorisch als auch thematisch der Blick des Modells, das von seinem Buch aufschaut. Wie lässt sich dieser Blick beschreiben? Er ist sicherlich fragend, vielleicht sogar herausfordernd. Ist es ein Ausdruck des Widerwillens gegenüber der industriellen Szenerie und dem Lärm hinter dem Zaun? Ist es ein frühes Beispiel des Gefühls der Entfremdung vom Produktionsprozess, das im späten 19. Jahrhundert so viele Menschen ergriffen hatte, die, genau wie die beiden Dargestellten, keinen Platz hatten in der von der kohlebetriebenen Produktionskultur begründeten Klassenaufteilung zwischen Kapitalisten und Arbeitern?

Dieses Gefühl der Entfremdung vom vorgegebenen Klassenbewusstsein der industriellen Revolution, das der mit Manet befreundete Dichter Charles Baudelaire wohl am treffendsten beschrieben hat, hat seine Wurzeln in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1879, nur wenige Jahre, nachdem Manet „Die Eisenbahn“ fertigstellte, entwickelte Thomas Edison die erste kommerziell erfolgreiche elektrische Glühbirne. Mit dieser praktischen Anwendung von hydroelektrischen und fossilen Energiequellen setzte eine massive Wende in der Selbstwahrnehmung der Menschen der Kohlekultur ein. Denn wenn man die Nacht zum Tag machen konnte, gab es dann noch etwas, dass der Mensch nicht verändern konnte? Elektrische Maschinen und Geräte in Fabriken, Haushalten und Büros veränderten die Rolle der Frau grundlegend. Fortschritte in der Kommunikations- und Unterhaltungstechnik verwandelten Form und Inhalt dessen, was die Menschen von- und über einander erfuhren. Mit der Klimatechnik (jetzt konnten sogar Hitze und Kälte kontrolliert werden!) und schließlich der Digitalisierung breitete sich die Kultur der Veränderung in alle Lebensbereiche aus. Überall, wo sie hinkommt – und es gibt entlegene Gebiete Indiens, die sie erst heute erreicht – bringt die Elektrizität eine Kultur des Wandels mit sich. Die Herausforderung für die Wahrnehmung bestand nun darin, uns selbst und andere als mögliche Akteure des Wandels zu sehen.

Damit wurde das 20. Jahrhundert das erste Zeitalter, in dem Millionen von Menschen weltweit daran glaubten, dass sie die Welt verändern konnten. Dies zeichnete sich auch in der Vielfalt der sozialen und politischen „Ismen“ ab. In den Künsten drückte sich die Kultur der Veränderung durch die internationale Moderne aus. In Oskar Schlemmers Gemälde der berühmten Bauhaustreppe im Dessauer Walter-Gropius-Bau wird diese Kultur durch die Studenten versinnbildlicht, die die Treppe hinaufsteigen. Die Darstellung der Figuren verkörpert das radikal neue Kunst- und Designkonzept der Bauhausschule: geometrische Strukturanalysen, Oberflächen, die den Materialeigenschaften entsprechen, Verzicht auf Ornamente, funktionale Formen und Einsatz der Primärfarben Blau, Gelb und Rot.

Schlemmer, Oskar (1888-1943): Bauhaus Stairway, 1932. New York, 10 x 12 (1) Museum of Modern Art (MoMA). Oil on canvas, 63 7/8 x 45′ (162.3 x 114.3 cm). Gift of Philip Johnson. 597.1942 © 2015. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

Die Aufgabe, zum Akteur des Wandels nicht nur in der Kunst, sondern in allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebensbereichen zu werden, sorgte dafür, dass die Kultur der Veränderung, die ihren Anfang mit der Elektrisierung genommen hatte, weltweit zu einer Quelle von Ängsten und Stress sowie von Generationenkonflikten wurde. Die frühesten Darstellungen dieser Krise in der Malerei findet man wohl bei van Gogh und Edvard Munch, später in so unterschiedlichen Stilrichtungen wie dem Expressionismus und Funktionalismus und schließlich besonders ausdrucksstark bei Francis Bacon in den 1950er Jahren – dem Jahrzehnt, in dem Lebensgefühl mit einer neuen Energiequelle verbunden wurde: der Atomenergie.

Gleichzeitig wurden auch die fossilen Brennstoffe immer wichtiger, die seit den 1960er Jahren unsere vorherrschende Energiequelle darstellen. Der Wohlstand und die Fülle, die diese Brennstoffe mit sich brachten, ermöglichten die Konsumkultur, die bereits in den „Goldenen Zwanzigern“ kurz aufflackerte, aber erst in den letzten vier Jahrzehnten des vergangenen Jahrtausends wirklich die Macht übernahm. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit nehmen wir uns selbst und andere als Verbraucher wahr. Die Folgen sind uns allen nur zu bekannt.

Oxford Tire Pile #1Westley, California, USA, 1999, www.edwardburtynsky.com

Edward Burtynskys Aufnahme einer kalifornischen Reifenhalde aus dem Jahr 1999 dokumentiert die Konsumkultur und stellt sie gleichzeitig in Frage. Das Konzept der erneuerbaren Energie war zu diesem Zeitpunkt bereits eingeführt – wenn auch in noch kleinerem Rahmen als heute – und hatte eine alternative Kultur des Bewahrens auf den Plan gebracht.

Mittlerweile erscheinen Öko-Enzykliken von Papst Benedikt, und bei der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris kommen Regierungen aus aller Welt zusammen, um sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen und Wege zu einer neuen Kultur zu finden, die die Konsumkultur ablösen wird, falls und wenn fossile Brennstoffe eines Tages durch erneuerbare Energien ersetzt werden (dürfen).

Burtynskys beeindruckendes Foto wirft eher die Frage nach dem Sinn der Konsumkultur auf, als auf eine positive Alternative hinzuweisen. Heute ist es an uns, gemeinsam herauszufinden, was es bedeutet, Bewahrer der Erde und unserer Körper zu sein – und irgendwann sogar Bewahrer unserer Nächsten.

Schließen wir also, wie wir begonnen haben – mit Fragen:

Was heißt es, uns selbst als Bewahrer der Erde und nicht als Verbraucher zu sehen?

Wie bestärkt die Verantwortung für unsere eigenen Körper diese (Selbst-)Wahrnehmung? (Man denke an die Fitnessindustrie als nur ein Beispiel für diesen Aspekt.)

Was könnte es bedeuten, Bewahrer unserer Nächsten zu werden, uns gegenseitig zu bewahren? 

Die so genannte Energiedebatte ist in Wirklichkeit ein Konflikt zwischen unterschiedlichen Kulturen. Sie zählt heute zu den Dialogen, die am schnellsten an Bedeutung gewinnen.
Nehmen Sie Teil!

Barry Lord ist Autor des Buches Art & Energy: How Culture Changes (The AAM Press, 2014) und Ko-Präsident von Lord Cultural Resources. Sein Blog findet sich unter artandenergybarrylord.wordpress.com

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